|
— Das Bockenheimer Theaterensemble beging im Jahr 2005
sein 30-jähriges Bestehen, und ihr habt das mit gleich drei Produktionen
gefeiert: Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, „Die
Goldfische oder Mein Vater, der Held“ von Anouilh und „Erinnerungen
für die Zukunft“.
Inga Schulz-Ehlen: Das war ein Rekord in unserer Geschichte.
Allerdings waren die „Erinnerungen“ kein Theaterstück, sondern
eine historisch-politisch-literarisch-kabarettistische Collage
zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes, die einige unserer
Mitglieder selbst zusammengestellt hatten. Zuvor haben wir eigentlich
immer nur ein Stück pro Jahr auf die Bühne gebracht.
Slawomir Mrozek, „Auf hoher See“ (Inszenierung: Michael Becker)
— Aber ihr habt diesen Rekord fortgesetzt. Auch 2006 hattet ihr
drei Produktionen.
Inga Schulz-Ehlen: Ja, zwei Einakter von Slawomir Mrozek,
„Auf hoher See“ und „Karol“, dann „Hotel zu den zwei Welten“
von Eric-Emmanuel Schmitt und schließlich „Die Geburtstagsfeier“
von Harold Pinter, dem Literatur-Nobelpreisträger des Jahres
2005.
— Und wie sieht es in diesem Jahr aus?
Inga Schulz-Ehlen: Seit Herbst 2006 arbeiten wir wieder an
drei Stücken: Von Jean Anouilh „Das Orchester“, von Roland
Schimmelpfennig „Die arabische Nacht“ und von Martin Walser
„Die Zimmerschlacht“.
Slawomir Mrozek, „Karol“ (Inszenierung: Michael Becker)
— Wie kam es zu diesem enormen Zuwachs an Produktivität?
Inga Schulz-Ehlen: Vor allem durch Zuwachs an Mitgliedern.
Wir sind in Frankfurt ansässig; das bedeutet zugleich auch
ein großes Potenzial an Mitwirkenden. Gerade Neu-Frankfurter,
auf der Suche nach einer Theatergruppe, stoßen im Internet sehr
häufig auf uns. So hat sich unser Ensemble in den letzten Jahren
stark vergrößert. Um nicht immer Stücke mit mehr als zehn
Schauspielern inszenieren zu müssen, haben wir dann begonnen,
mehrere kleinere Produktionen parallel laufen zu lassen – mit Erfolg!
Außerdem können wir so die verschiedenen „Geschmäcker“
unserer Mitwirkenden befriedigen.
— Wer führt denn Regie? Das kann doch bei einem Amateur-
Ensemble nicht einer allein bewältigen.
Inga Schulz-Ehlen: Schon gar nicht, wenn Proben für mehrere
Stücke gleichzeitig laufen. Zum Glück haben wir nicht nur
mehrere Mitglieder mit Regieerfahrung, sondern immer wieder
auch mutige Amateurschauspieler, die den Sprung auf den Regiestuhl
wagen. Ernst Geesmann z. B. hat bei uns bisher in drei
Inszenierungen erfolgreich auf der Bühne gestanden. In diesem
Jahr startet seine erste Regiearbeit bei den Bockenheimern: Mit
dem „Orchester“ von Jean Anouilh hat er ein Stück gewählt, das
viele Frauenrollen bietet, denn wie in den meisten Theatergruppen
ist auch bei uns der Frauenanteil höher, als die Stücke meist
vorsehen.
Harold Pinter, „Die Geburtstagsfeier“ (Inszenierung: Wolfgang Lamprecht)
— „Das Orchester“ von Anouilh. Was ist das für ein Stück?
Ernst Geesmann: Anouilh nimmt mit wie immer treffsicherem
Wortwitz die Dummheit der Menschen aufs Korn und zeigt,
wer sich wie selbst was vormacht. Interessant ist hier die Form:
Zum einen erzählen Mitglieder eines kleinen Musikensembles –
sechs Frauen und ein Mann – weitgehend unabhängig aus ihrem
Leben, ohne dass es echte Handlung gäbe; zum anderen erreicht
eine Dreiecksbeziehung innerhalb des Orchesters schließlich ihren
dramatischen Höhepunkt. Das Stück empfiehlt sich, rein
pragmatisch, gerade für unser Ensemble: Die Besetzung passt
prima zu unserem Herrenmangel, und die Szenerie ist genau ein
Bühnenbild – eben die Bühne, auf der das Orchester auftritt.
— Inga, du warst nicht nur bis Januar 2007 die Vorsitzende des
Bockenheimer Theaterensembles, du führst auch immer wieder
Regie. Dein Stück in dieser Saison ist „Die arabische Nacht“
von Roland Schimmelpfennig.
Inga Schulz-Ehlen: Ich habe mich diesmal für einen zeitgenössischen
Autor und ein sehr aktuelles Stück entschieden, das
durchaus das Zeug zum modernen Klassiker hat. Die Darsteller
agieren gleichzeitig auf mehreren Schauplätzen, Erzählstränge
greifen permanent ineinander, graue Hochhaustristesse und arabischer
Traum gehen nahtlos ineinander über. Das stellt hohe
Anforderungen an Schauspieler und Regie, aber auch an Technik
und Kulissenbau. Die ersten Proben sind spannend und vielver-
sprechend verlaufen, und ich bin zuversichtlich, dass die Zuschauer
genussvoll in die „Arabische Nacht“ eintauchen werden.
|
— Michael, du hast bereits mehrere Stücke mit den Bockenheimern
inszeniert.
Michael Becker: Ja, z. B. „Der Heiratsantrag“ von Tschechow,
„Der Herr Karl“ von Qualtinger und Merz, Sartres „Geschlossene
Gesellschaft“ und die beiden Mrozek-Einakter.
Harold Pinter, „Die Geburtstagsfeier“ (Inszenierung: Wolfgang Lamprecht)
— Und derzeit probst du die „Zimmerschlacht“ von Martin
Walser, den man doch hauptsächlich als Romanautor kennt.
Michael Becker: Walser stellt hier eine langjährige Beziehung
als „Schlacht“ dar. Die Ehepartner vergleicht er mit zwei
Chirurgen, die einander ohne Narkose operieren und immer besser
lernen, was weh tut. Das Stück interessiert mich schon seit
langem: Einheit von Ort und Zeit; nur zwei Schauspieler treten
auf, und dann geht es zur Sache, nur diese beiden und das eineinhalb
Stunden. Eine Herausforderung für alle. Meine bisherigen
Inszenierung waren satirische oder abstrakte Stoffe; der Realismus
Walsers ist für mich eine neue Erfahrung. Wir sind erst
am Anfang, langsam gewinnen die Personen Gestalt – ich bin auf
die Premiere im Juni gespannt.
— Wo bringt ihr diese Stücke auf die Bühne? Ihr habt doch keine
eigene Spielstätte.
Inga Schulz-Ehlen: Das ist ein Problem – und dann auch
wieder nicht, denn wir finden immer wieder Räumlichkeiten, in
denen wir proben und spielen können. Seit mehreren Jahren proben
wir überwiegend in Räumen der Frankfurter Saalbau GmbH.
Für unsere Aufführungen bevorzugen wir jedoch kleinere Bühnen
mit bis zu hundert Zuschauerplätzen. Häufig geben wir Gastspiele
bei befreundeten Amateurtheatern in Frankfurt, die über
eigene Räume verfügen, z. B. die Interkulturelle Bühne und das
Kellertheater in Frankfurt. Auch im Frankfurter Umland hat sich
mit einigen Spielstätten eine schöne Zusammenarbeit entwickelt,
wie mit dem Neu-Isenburger „Kunstbahnhof“. Hin und wieder
gibt es sogar Gastspiele in entfernteren Orten. „Die Geburtstagsfeier“
wurde z. B. auch in Göttingen gespielt und unser „Herr
Karl“ hat es gar bis nach Österreich geschafft.
— „Bockenheimer Theaterensemble“ – wie kam es zu diesem
Namen? Renate, du bist ja bereits seit einem Vierteljahrhundert
dabei und hast wohl auch von allen Mitgliedern die meisten Rollen
gespielt ...
Renate Lamprecht: Die Anfänge liegen über dreißig Jahre
zurück. Damals fanden sich ein paar junge Leute aus einer evangelischen
Kirchengemeinde im Frankfurter Stadtteil Bockenheim
zusammen, um Theater zu spielen. Daraus entstand der „Bockenheimer
Theaterkreis“. Zunächst wurden unterhaltsame Stücke
zumeist bei geselligen Veranstaltungen der Gemeinde aufgeführt,
aber auch bereits Stücke ernsten Inhalts. Schon bald waren
es nur noch anspruchsvollere Schauspiele, und dem ersten Spielleiter
Erich Junker gesellten sich weitere Regisseure hinzu, wie
Herbert Ring oder Gregor Lamprecht.
— Wenn man die Liste eurer Aufführungen betrachtet, stößt
man auf Namen wie Tennessee Williams, Beckett, Albee, Ayckbourn,
immer wieder Pinter, aber auch Franzosen wie Anouilh,
Sartre, Koltès, daneben Max Frisch, Hildesheimer, Brecht. Ein
breites Spektrum. Spielt ihr eigentlich alles?
Inga Schulz-Ehlen: Nun, an Schiller oder Shakespeare wagen
wir uns eher nicht heran. Man muss auch seine Grenzen kennen!
Im Prinzip sind wir allerdings offen für alles. Weil das Ensemble
zu einem guten Teil aus Nicht-Hessen besteht, sind jedoch
mundartliche Stücke für uns nicht geeignet. Auch Schwänke
spielen wir nicht, doch haben wir mit Stücken etwa von Alan
Ayckbourn auch schon den ein oder anderen Ausflug ins Boulevardtheater
unternommen. Meist fällt die Wahl auf ernstere oder
satirische Stücke, die sich irgendwo zwischen Klassik und Klamauk
bewegen. Bei so vielen aktiven Mitgliedern gibt es natürlich
bei uns unterschiedliche Strömungen. Auch deshalb produzieren
wir mehrere Stücke nebeneinander. Gemeinsam ist uns
aber das Interesse an spannenden Rollen und möglichst aktuellen
Themen.
— Wo kommen eure Mitspieler her?
Inga Schulz-Ehlen: Ein bisschen von überall. Die langjährigen
Mitglieder stammen meist aus der Frankfurter Region. In
den letzten Jahren stoßen neue Mitglieder wie gesagt meist via
Internet zu uns. Das hat zu einer bunten und zunehmend jungen
Mischung aus allen Alters- und Berufsgruppen geführt. Die
meisten haben schon in der Schule oder in anderen Gruppen
Theatererfahrung gesammelt, eine Voraussetzung ist das allerdings
nicht. Wer bei uns mit einer kleinen Rolle beginnt oder
auch hinter den Kulissen hilft, wächst schnell in die Amateurtheaterarbeit
hinein. Neben einschlägigen Schauspielübungen, die
Teil der Probenarbeit sind, und der Teilnahme an Seminaren, z.
B. des Landesverbandes, wollen wir zukünftig auch speziell für
unsere Mitglieder eigene Seminarwochenenden veranstalten.
Eric-Emmanuel Schmitt, „Hotel zu den zwei Welten“ (Inszenierung: Lars Th. Heine)
„Das Bockenheimer Theaterensemble gehört schon lange
zu jenen Amateuren, die nicht aufs große Publikum schielen,
sondern sich gerne auch der nicht ganz so leicht verdaulichen
Kost widmen.“ (Frankfurter Rundschau)
Premierentermine:
— Jean Anouilh, Das Orchester:
Freitag, 27. April 2007
— Martin Walser, Die Zimmerschlacht:
Freitag, 28. September 2007
— Roland Schimmelpfennig, Die arabische Nacht:
Freitag, 29. Juni 2007
alle Interkulturelle Bühne, Alt Bornheim 32, Frankfurt a.M.
Weitere Termine und nähere Informationen im Internet:
www.bockenheimer-theaterensemble.de
|